tz, 20./21.
Dezember 2008
Vorsprechen
in der Provinz "Morgen Münster." Das klingt nach Thomas
Bernhard. Was dann aus dem Mund der abgehalfterten
Schauspielerin Linda Briest (siehe Fontane) kommt, die in
der Provinz vorsprechen muss, ist zum einen Teil Schiller in
Variationen, zum anderen ein bisschen Publikumsbeschimpfung
à la Handke. Der "terroristische" Monolog Maria Stuart in
Münster, den Reinhard Göber (auch Regie) verfasst hat,
ist aus verschiedenen Versatzstücken montiert - manches mit
witzigen Insider-Attacken auf den Theaterbetrieb und
zeitgeistnahen sprachlichen Sottisen, dann wieder mit
seltsamer Mitmach-Animation der Zuschauer und wohlfeiler
Medienkritik an Gala und Sex in The City. Wie
die versierte Darstellerin Irene Rathenow von Diringshofen
dabei immer wieder aus der Rolle der Lady kippt, den
Zuschauern im TamS ihre Ängste und Fantasien
vorspielt...,wie sie in zunehmender Auflösung über die leere
Bühne fegt - das hat durchaus Unterhaltungswert...
Barbara Welter
Süddeutsche
Zeitung, 22. Dezember 2008 Kampf ums Theater
...Da steht sie also und kann nicht anders, als den zum
Monolog eingestrichenen Auftritt Maria Stuarts vor ihrer
Konkurrentin Elisabeth in Rage auf die Bretter zu legen. Das
Vorsprechen ist eine unmenschliche Tortur, die jede
Ausflucht und Rache rechtfertigt, weil sie alle
Schreckensszenarien des Theaters übertrifft für die vage
Hoffnung, vielleicht gelegentlich Schillers "Maria Stuart",
gewiss aber hundertfünfzigmal Frau Holle spielen zu dürfen.
Irene Rathenow,
Tams-erprobt, flattert leichthin zwischen dieser Hoffnung
auf ein Engagement und der Erinnerung an die Missachtung in
einem Kunstgewerbe, das von den Launen der Intendanten und
Dramaturgen beherrscht wird. Der Höhepunkt: Maria Stuart im
Vollrausch gespielt. Irene Rathenow aber ist immer Herrin
der Szene, schreitet sie würdevoll aus oder rast in Wut über
die Bretter, und spielt zwischendurch, ganz im Trend des
Mitmachtheaters, mit dem Publikum. Der Kampf ums Theater,
das Individuum bedrängt vom Meer der Larven, wird zum
ironischen Spiel mit Zitaten und Zumutungen - gerade recht
für die ganz und gar unbesinnlich geschäftige Zeit.
Thomas Thieringer
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