Philip Arp

„Für alles gibt es Museen. Bloß für Museen gibt‘s noch kein Museum. - Was willst‘n da ausstellen? - Mu-Seen! - Seen! Das wird schwer werdn.“ In ein paar Sätzen das weite Spektrum des allein der „Phantasie-Wahrheit“ verpflichteten Künstlers Philip Arp aufzuzeigen, käme dem Versuch gleich, einen See in einem Museum auszustellen. Am Beginn seiner Karriere hat Arp wunderbar unbekümmert mit Handpuppen experimentiert. Später, in den 70er-Jahren, hat er mit seiner Partnerin Anette Spola in beider Theater, dem Theater am Sozialamt (TamS), immer wieder Szenen von Karl Valentin gespielt und eigene Valentinaden, in denen er einen besonderen, wehmütig filigranen Stil entwickelte.

1978 tritt er zusammen mit Jörg Hube an den Kammerspielen in Urs Widmers Endspiel Nepal auf. Ein Jahr später spielen die beiden, diesmal am TamS, die ihnen von Widmer gewidmete Uraufführung von Stan und Ollie in Deutschland. Philip Arp ist auf dem Höhepunkt seiner Schauspielerkarriere: Er fasziniert als Darsteller zerbrechlich vergeistigter Menschen, als sensibel hintersinniger Komödiant.

Ähnlich querdenkerisch fantasievoll arbeitet Philip Arp als Zeichner, als Popartist ( „Wachs“-Kerze im Blumentopf). Zudem frönt er am TamS seiner Leidenschaft für Opernspektakel: Er „dirigiert“ u.a. Wildes Salome und Webers Freischütz. Und er schreibt außer den Valentinaden wundersam gedrechselte Texte - er ist, ganz im Sinne Karl Valentins, ein charmanter Sprachspieler, ein radikaler Wortwörtlichnehmer.

Philip Arp war 19, als die Münchner Karl Valentin verhungern ließen. Eigentlich keine Ermutigung, sich so einen zum Vorbild zu nehmen. Aber Arp wuchs wie der große Querdenker im Handwerkermilieu der Au auf - einem Milieu, das offenbar den Blick auf das Komische im Alltag schärft. Wie Valentin hat sich auch Arp ein kindliches, oft fassungsloses Staunen und eine frei assoziierende Fantasie bewahrt, die Kleinigkeiten in die fürchterlichsten, lachhaft endgültigen Katastrophen treiben lässt. 1987, 58 Jahre alt, ist Philip Arp gestorben.

Thomas Thieringer  

Anette Spola

1981 inszenierte Philip Arp am TamS Karl Valentins Der Firmling. Er spielte den Vater, Anette Spola den Pepperl. Nein, sie spielte ihn nicht, sie war der Pepperl. Und das Erstaunliche war nicht, dass sie, bereits in den Vierzigern, den Pepperl „so glaubhaft verkörperte“, wie es in der Kritik hieß, das Erstaunliche war, dass niemand im Publikum darüber erstaunt war. Das im Firmung leitmotivisch wiederkehrende Lied „Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr“ schien in seiner zweiten, melancholischen Aussage für Anette als Darstellerin und als Person außer Kraft gesetzt. Das gilt für mich bis heute.

Jung bleiben heißt ja nichts anderes als neugierig bleiben, anarchisch, experimentierfreudig. Heißt, die Freude am Spiel, die Lust am Spielen nicht zu verlieren. Eine Gabe, die Anette in besonders reichem Maß zuteil wurde und die das gemeinsame Ausdenken, Erarbeiten und Proben so anregend, mitunter auch so anstrengend macht. „Im Spiel“, hat sie einmal geschrieben, „darf ich über zensierte Abmachungen hinausgehen, ich muss es sogar. Im Spiel darf ich das Lebendigsein erfahren. Im Spiel darf ich alles.“ Darf ich also auch - wie ein Kind - ein Gebäude, das ich gestern errichtet habe, heute wieder einreißen und neu zusammensetzen. Das ist naturgemäß nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht, wenn dieser Jedermann ein Schauspieler ist, der bereits bei der ersten Leseprobe wissen möchte, durch welche Tür er bei der Premiere auftreten soll. Seines Bleibens am TamS war denn auch nie sehr lange.

Spontaneität, Freiheit zuzulassen, ja zu fordern, ohne den großen Bogen aus dem Blick zu verlieren, die Authentizität des begabten Amateurs mit der Darstellungskunst des erfahrenen Profis zu verbinden, die Balance zwischen bewusstem Unfertiglassen und akribischer Arbeit am Detail zu finden: in diesem Spannungsfeld bewegt sich Anette Spola als Regisseurin und als Schauspielerin mit intuitiver Sicherheit. Viele, die in den nunmehr fast 40 TamS-Jahren bereit waren, sich auf dieses immer wieder neue Abenteuer einzulassen, haben ihr viel zu verdanken. Der dies schreibt, weiß das selbst am besten.

Rudolf Vogel

 

 

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